"WHAT IS OUR WATER?"

22. April 2018

Vorab:  Thematisch liess der einleitende Text zur Ausstellung "WHAT IS OUR WATER?" der eigenen Vorstellung sehr viel Spielraum:  Zwei junge Fische schwimmen im See, als ein alter Fisch an ihnen vorbei schwimmt, ihnen zunickt und fragt: «Na Jungs, wie ist das Wasser heute?» Dann zieht er von dannen. Die beiden jungen Fische schwimmen nachdenklich weiter, bis der eine den anderen fragt: «Was zum Henker ist Wasser?» (check this out: Vernissage Einladung Züri)

Wasser - hier Symbol für unser direktes Umfeld? Etwas, das wir brauchen wie die Luft zum Atmen? Vielleicht auch individuelle Ansätze: was ist dein Wasser? Freunde? Deine Tochter? Dein Job? Dein Sport?

Weit gefehlt! Die Londoner Ausstellung "What is our water?" kuratiert von Isabela Gygax setzt sich auseinander mit dem Menschsein betrachtet durch den Filter unserer Kleidung. Die verschiedenen Ansätze der Künstlerinnen und Künstler sind ebenso unterschiedlich wie komplex, die Exponate sind die Spitzen der Eisberge, die der Betrachter nach der Ausstellung gedanklich mit sich nimmt. http://isabelagygax.com/

Maße der Masse: Konfektionierte Kleidung - wird sie dem Menschen angepasst oder passt sich der Mensch nicht vielmehr dem Massenprodukt an, bringt seinen Körper in die  standardisierte Form, in die Maße der Masse? "Ich passe nicht in dieses Kleid" versus "Dieses Kleid passt mir nicht"? Sabrina Labis lässt in ihrer Videoinstallation eine Frau sich auf Zehenspitzen strecken, recken und struggeln, um in das vor ihr schwebende Kleid zu passen. "Hör auf" "Entspann Dich" "Wozu??" will man ihr zurufen. http://www.sabrinalabis.net


 

Kleider machen Leute: Gjin Paloka korrigiert die diversen Outfits von Arbeitern, Models und  gesellschaftlichen Stereotypen buchstäblich mit Tipex. Zur Folge haben alle abgebildeten Individuen nun die gleiche Uniformierung: Weiße Kleidung mit einer vogelfederartigen Struktur. Was hat diese Uniformierung zur Folge? Die altbekannten Klischees verschwinden. Der Yuppi mit dem Hund ist nicht mehr als solcher erkennbar, er ist ein Individuum mit weißer Kleidung. Der Arbeiter auf dem Gerüst ist nun einfach ein Mann in weißer Kleidung, der schlicht dasitzt. Die Schubladen unserer Kleiderkodifizierung werden ausgeleert und alle Kaisers neuen Kleider fliegen durcheinander und sind nicht länger identitätsstiftendes Erkennungsmerkmal von Status, sozialer Zugehörigkeit, Selbstsicht.

Leute machen Kleider: Fast unerträglich anzuschauen, mit schonungsloser Objektivität und völlig ohne erhobenem Zeigefinger geht Isabela Gygax der Frage nach der Physis des Arbeiters nach, der am Anfang der Produktionskette an der Nähmaschine sitzt. Essenz der Filmprojektion ist die evolutionäre Entwicklung des homo sapiens sapiens mit all seinen Anfälligkeiten (er reagiert empfindlich auf Gift, braucht Schlaf, muss zur Toilette usw.) zum homo laborans, dem nahezu humanoiden Organismus, perfekt angepasst an die Bedingungen der Sklavenarbeit im CMT Prozess. "Cut - make - trim" als evolutionäre Hauptfaktoren, die bedingen, dass im Schädel des homo laborans Filter (gegen Staub und Chemikalien) entstehen, sich seine Blase massiv vergrößert (so muss der ideale Arbeiter nur ein Mal am Tag Wasser lassen) und seine Wirbelsäule sich der gebeugten Sitzhaltung anpasst und er highly productive Ewigkeiten an der Nähmaschine Kleidung für den Massenmarkt produzieren kann. Der impact dieses pervertierten Menschenmodells ist aus 2 wesentlichen Gründen massiv: Zum einen gibt die Filmprojektion auf einem Berg weißer Kleidung einen genauen 360 Grad Blick auf den nackten homo laborans, zum anderen sind die latinisierten Detailbeschreibungen seiner Anatomie derartig wertneutral, dass sie die emotionale Wirkung des Werkes herausschreien will: der Betrachter verlässt die Ausstellung mit dem Bewusstsein, dass die Jeans an seinem Körper eben nicht vom homo laborans genäht wurde, sondern vom homo sapiens sapiens - mit all seiner physischen und psychischen Vulnerabilität.

Summa summarum eine sehr überraschende, messerscharfe und komplexe Ausstellung, die den Betrachter emotional berührt und voller neuer Gedanken über sein "Wasser" entlässt.

Bis am Donnerstag, 26.04.18, noch anzuschauen im jenseits im Viadukt, Bogen 11 / 12 Viaduktstrasse 65 in Zürich http://jenseitsimviadukt.ch/